Unbenannt65

Alexia: Marienverehrung eines heiligmäßigen Mädchens

„Gebt der hl. Jungfrau einen Kuß von mir"

von F. G. B.

Die heilige Jungfrau hat eine Vorliebe für einfache, frohe und reine Seelen, die in ihr die innige, liebenswürdige Mutter sehen, bei der sie Schutz suchen und in der sie ein Vorbild zum Nachahmen finden.

Eine dieser Seelen ist die Dienerin Gottes Alexia González-Barros y González, ein kleines spanisches Mädchen, das der Herr nach einer grausamen Krankheit zu sich nahm: Ein Krebstumor zerstörte ihre Nackenwirbel und lähmte sie, als sie kaum 15 Jahre alt war.

Ihr Seligsprechungsprozeß in seiner diözesanen Phase wurde in Madrid am 1. Juni 1994 feierlich abgeschlossen, und gegenwärtig wird in Rom die Causa zur Untersuchung ihres Lebens und ihrer Tugenden eröffnet.

Alexia war ein fröhliches und gesundes junges Mädchen von übersprudelnder Lebensfreude. Sie verlor ihr charakteristisches Lächeln auch nicht, als sie eine Tetraplegie bekam, die sie zur Invaliden machte, der es aber nicht gelang, ihren Glauben an Gott oder ihre Liebe zur Muttergottes zu mindern. Die Krankheit - zehn Monate schwerer Krankheit - hinterließ in ihr nicht die geringste Spur von Traurigkeit und noch viel weniger von Klage oder Verdruß.

Trotz ihrer Schmerzen und Beschränkungen fühlte sie sich niemals unnütz oder niedergeschlagen. Mit dem ihr eigenen Sinn für Humor pflegte sie zu sagen: „Ich bin keine Kranke, ich bin eine Person, die ein Problem hat." Die Lösung dieses Problems war für Alexia, sich vertrauensvoll den Armen der Muttergottes zu überlassen, indem sie ihre dramatische Lage als Opfer anbot in dem Bewußtsein, daß diese ein Schatz war, den der Herr in ihre Hände gelegt hatte und den sie nicht ungenutzt lassen durfte. Sie war sich ihrer göttlichen Abstammung sehr bewußt. Alexia fühlte sich vor allem als Tochter Gottes.

Schon als Kleinkind war sie empfänglich für alles, was das geistliche Leben betraf. Sie griff nicht nur die kleinste Anregung auf und machte sie sich zu eigen, sondern überbot sie in gewissem Sinne sogar noch. So zum Beispiel, als ihre Mutter ihr sagte, daß sie beim Vorbeigehen an einem Bild oder einer Statue der Muttergottes ihr einen liebevollen Blick schenken solle, dann tat sie es nicht nur, sondern sie warf ihr außerdem einen Kuß zu. Als sie klein war - drei bis vier Jahre alt -, war es ein deutlich vernehmbarer Kuß, als sie älter wurde, war der Kuß eine kaum wahrnehmbare Lippenbewegung, aber für die, die davon wußten, blieb er nicht unbemerkt.

Von wann an verehrte sie die Muttergottes? Man könnte ohne Übertreibung sagen, daß es bei Alexia schon immer

kleine Anzeichen der Zuneigung zur Muttergottes gab. Im Alter von acht oder neun Monaten, wenn die Babys sich in der Wiege auf die Füße stellen, wobei sie sich am Geländer festhalten, näherte sich Alexia immer einer Medaille der Muttergottes, die am Kopfende an einer rosa Schleife befestigt war, um sie zu küssen. Man hatte ihr gesagt, daß das „die Mama im Himmel" sei und daß sie ihr einen Kuß geben solle, um ihr guten Tag zu sagen. Sehr bald begann sie, es aus eigenem Antrieb zu tun, dann schaute sie immer zufrieden lächelnd ihre Eltern oder Geschwister an. Wir wollen nicht behaupten, daß sie wußte, was sie tat, aber wir zweifeln nicht, daß dieser Kuß der Muttergottes gefiel.

Ihre Verehrung für die Muttergottes nahm mit der Zeit zu, nun schon auf eine bewußte Weise und voller Liebe. So zum Beispiel pflegte sie im Monat Mai auf der verglasten Terrasse zuhause einen kleinen Altar einzurichten, auf den sie ein Bild der Muttergottes stellte, das normalerweise in ihrem Zimmer war. Sie umgab es mit Blumen und stellte eine Kerze auf, die sie anzündete, wenn sie von der Schule kam. Dort betete sie eine Weile andächtig und löschte dann die Kerze. So tat sie auch, bevor sie das Haus verließ. Diese Verehrung war nicht albern oder kindisch, sie enthielt im Gegenteil eine große Zärtlichkeit.

Es war Brauch an ihrer Schule, daß während des Maimonats ein Muttergottesbild von Klasse zu Klasse wanderte, wobei es an jedem Tag in einer anderen Klasse weilte. Wenn es in ihre Klasse kam, erwartete Alexia es mit einem Blumenstrauß, um den Platz zu schmücken, an dem das Bild aufgestellt wurde.

Über das Jahr, samstags, wenn sie ihre Mutter zum Supermarkt begleitete, vergaß sie nicht, einige Blumen zu kaufen, um die Muttergottes zu schmücken, die sie im Wohnzimmer hatten. Während ihrer Krankheit hielt sie an dieser Gewohnheit fest: Sie erinnerte ihre Eltern oder Geschwister daran, einen Blumenstrauß zu kaufen und ihn der Muttergottes in der Kapelle der verschiedenen Krankenhäuser hinzustellen, in die sie eingeliefert wurde: drei Krankenhäuser in Madrid und während der letzten sechs Monate ihres Lebens die Universitätsklinik von Navarra. Ebenso fehlten in den Zimmern der vier Kliniken, in denen sie war, nie frische Blumen, um ein gedrucktes Muttergottesbildchen zu schmücken, das sie immer begleitete.

Die Familie von Alexia ist tief marianisch, daher ist es nicht zu verwundern, daß die Dienerin Gottes sich diese Frömmigkeit zu eigen machte. Als die Eltern von Alexia jungverheiratet waren, hatten sie Gelegenheit, nach Fátima zu fahren und die Eltern der Seher Francisco und Jacinta kennenzulernen und mit ihnen zu sprechen, wie auch mit einigen Familienangehörigen von Lucia. Die Familienangehörigen von Alexia fühlen sich mit Portugal dadurch sehr verbunden, daß sie mehrfach Gelegenheit hatten, sich nach Fátima um Hilfe zu wenden. Zwei Bildchen mit Reliquien von Jacinta und Francisco wurden Alexia von einer befreundeten Person gebracht, und eine der Nonnen, die sie im Hospital betreuten, wo man sie zum ersten Mal operierte, schenkte ihr ein Bildchen Unserer Lieben Frau von Fátima. Diese Dinge veranlaßten die Dienerin Gottes zu andächtiger Verehrung.

Aber Alexia schwärmte für alle Bilder der Muttergottes. Sie hatte verschiedene Marienheiligtümer besucht - das letzte davon war das der Jungfrau der Hilflosen in der Stadt Valencia, am 4. Januar 1985, wenige Tage vor dem Ausbruch ihrer Krankheit. Jede Anrufung der Muttergottes fand in ihrem Herzen innigen Widerhall.

In diesem Zusammenhang erinnert sich eine der Krankenschwestern der Universitätsklinik von Navarra an eine Anekdote. Bei einer bestimmten Gelegenheit erzählte sie Alexia, wie sie in der Wallfahrtskirche ihres Geburtsdorfes, vor dem romanischen Bild der Muttergottes von Muskilda, der Patronin des Ortes, getraut worden war, und fügte hinzu: „Wir verehren sie sehr, obwohl die heilige Jungfrau dort sehr häßlich ist." Sofort antwortete ihr Alexia: „Sag das nicht, Nati, die heilige Jungfrau ist niemals häßlich." Ihre Zuneigung zu Unserer Lieben Frau ließ diese erhaben sein über die Art und Weise, wie sie abgebildet war. Für Alexia war sie immer wunderschön, und sie liebte sie aus ganzem Herzen.

Bei einer Schularbeit wurde von ihr verlangt, eine Litanei an die Muttergottes zu verfassen. Sie schrieb:

    „Mutter der Kinder
    Mutter aller Menschen
    Königin der christlichen Heime
    Vorbild der jungen Leute
    Spiegel der Mütter
    Königin jeder heiligen Liebe
    Zuflucht in der Traurigkeit
    Hilfe in der Gefahr
    Freude der Traurigen
    Königin des Lichts."

Auf die Frage bei einer anderen Arbeit: „Wie kannst du der heiligen Jungfrau einen Gefallen tun?" antwortet Alexia: „Die beste Art, der heiligen Jungfrau einen Gefallen zu tun, ist, die marianischen Gebete zu pflegen, wie: der Rosenkranz, der Engel des Herrn, das Gedenke usw., ohne zu vergessen, den Tag hindurch Stoßgebete zu sprechen. Ich wende mich mit größter Liebe an die heilige Jungfrau, wenn ich eine Bitte vorzubringen habe, weil ich weiß, daß sie die größte Fürsprecherin vor dem Herrn ist."

Beispiele wie diese könnten wir noch viele bringen, denn die Liebe Alexias zur Muttergottes war überquellend. Als sie sich in der Universitätsklinik von Navarra befand, konnte sie von ihrem Zimmer aus die Kapelle sehen, die sich auf dem Universitätscampus befindet und in deren Mitte ein Bild Unserer Lieben Frau der Schönen Liebe steht. Da sie sich nicht selbst zum Gebet dorthin begeben konnte, ermunterte sie ihre Eltern und Geschwister, es zu tun, stets mit der folgenden Bitte: „Gebt der heiligen Jungfrau einen Kuß von mir."

Diese standhafte und innige Verehrung wurde nicht enttäuscht. Einige Tage vor dem Fest ihrer Unbefleckten Empfängnis nahm die Muttergottes sie mit sich.

Am 30. November, als die Novene begann, gaben die Ärzte das Gutachten ab, daß Alexias Ende nahe sei. Ihre Mutter flüsterte ihr zu, sie solle noch ein letztes Mal beichten - sie tat das gewöhnlich jede Woche - und die Krankensalbung empfangen. So wurde ihr auch die Firmung, weil sie noch nicht das 16. Lebensjahr vollendet hatte - in diesem Alter empfängt man in Spanien dieses Sakrament -, „in articulo mortis" gespendet. Bei vollem Bewußtsein empfing sie die letzten Sakramente, umgeben von ihren Eltern und Geschwistern, heiter auf das ganze Ritual antwortend, wobei sie sich ganz bewußt war, was es bedeutete. Als der Priester die Zeremonie beendete, sagte Alexia ihm mit viel Liebe Dank. Ihre Eltern und Geschwister beglückwünschten sie überströmend und sagten ihr: „Wie bist du zu beneiden, Alexia, daß du zum Himmel gehst." Sie gab ihrer Glückseligkeit Ausdruck, indem sie mit großer Fröhlichkeit die Küsse ihrer Angehörigen annahm.

Am 5. Dezember 1985 um 11.05 Uhr morgens nahm die Muttergottes sie mit sich, während ihre Mutter ihr sagte: „Du gehst zum Himmel, wo die heilige Jungfrau auf dich wartet, die dich mehr liebt, als ich dich liebe; auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, daß irgendjemand, sogar die heilige Jungfrau, dich mehr lieben kann, als ich dich liebe - aber sie liebt dich mehr, viel mehr, meine Tochter." Alexia antwortete ihr lächelnd: „Ja", und mit dem Wort „Ja" verschied sie.

Das ist der Eindruck, den sie in denen hinterließ, die in diesem Augenblick um sie waren: Eltern, Geschwister, Ärzte und Krankenschwestern: daß sie aus den Armen ihrer Mutter in die ihrer himmlischen Mutter hinübergegangen war. Die Muttergottes hatte zweifellos die inständige Bitte erhört, die die Mutter der Dienerin Gottes unaufhörlich an sie gerichtet hatte: „Meine Mutter, möge sie aus meinen Armen in die deinen hinübergehen, denn obgleich sie sich gehalten hat wie eine richtige Frau, ist sie doch nur ein Mädchen, und ich will nicht, daß sie sich allein fühlt."

Inmitten des Schmerzes, den der Verlust Alexias für die Ihren bedeutet hat - und weiter bedeutet trotz der verstrichenen Zeit -, haben ihre Eltern und Geschwister den Trost, zu wissen, daß Alexia nie allein war, weil die heilige Jungfrau, die liebevollste Mutter, niemals den verläßt, der sich ihren mütterlichen Armen überläßt - wie Alexia.

 

Übersetzung aus dem Spanischen von Gunther Maria Michel.

In: Mariologisches, KIRCHE heute Nr. 9/95, S. 27

 

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