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Nach den Visionen der Anna Katharina Emmerick (Buchempfehlung)
„Unaussprechliche Reinheit im Antlitz Mariens"
Die Angaben der Heiligen Schrift über Maria, ihre Person und ihr irdisches Leben, sind mengenmäßig bescheiden. Um so tiefer und reicher ist ihr theologischer Gehalt. Sie sagen das Grundlegende über Maria aus, aus dem sich die kirchliche Marienlehre entfalten konnte. Seit ältester Zeit haben auch außerkanonische Schriften, Apokryphen, das Marienbild der Kirche mitgeprägt und nachhaltig auf Frömmigkeit, Kunst und sogar Liturgie gewirkt. Während die Evangelien Geschichtliches zuverlässig überliefern, sind die Apokryphen - bei manchem Echten, das sie auch enthalten - großenteils legendär oder erdichtet.
Als ganz eigenartige „Quelle" über das Leben Marias kommen mystische Visionen hinzu. Objektiver Gehalt und Eigenproduktivität des Subjekts gehen hier eine unauflösliche Verbindung ein. In der Beurteilung solcher Phänomene war die Kirche immer sehr zurückhaltend. Zur viel Pseudomystik, zu viel Betrügerisches und Krankhaftes. gab und gibt es neben der echten Mystik, die eine Gnadengabe Gottes ist. Gerade die größten Mystiker der Kirche, wie die hl. Theresia von Avila oder der hl. Johannes vom Kreuz, warnten davor, Gefallen an außerordentlichen Manifestationen zu finden.
Wohl die bekanntesten Schauungen über das Marienleben sind die „Mística ciudad de Dios" - „Geistliche Stadt Gottes" (Madrid 1670, 4 Bde.) der spanischen Franziskanerin María Coronel de Jesüs de Agreda (1602-1665) und die Visionen der westfälischen Augustinerin Anna Katharina Emmerick (1774-1424). Beide Werke sind in viele Sprachen übersetzt, in vielen Auflagen gedruckt und in vielen Ländern verbreitet. Das Werk der Agreda war theologisch zeitweilig so angefochten - etwa wegen der darin vorkommenden Lehre von der Unbefleckten Empfängnis (1854 dogmatisiert)! -, daß sogar der begonnene Seligsprechungsprozeß ausgesetzt wurde. Auch bei der Emmerick hat man einerseits versucht, Unstimmigkeiten nachzuweisen, andererseits, eine restlose objektive Richtigkeit und Zuverlässigkeit zu behaupten - beides in teilweiser Verkennung des Wesens und wahren Wertes mystischer Visionen. Der Wert dieser Werke liegt darin, daß sie unzählige Seelen mit Verehrung und Liebe zur Mutter des Herrn erfüllt haben. So zählte Paul Claudel die „wunderschönen Erzählungen der Schwester Emmerick" neben Pascal, Bossuet und Dante zu jenen Büchern, die ihm in einer entscheidenden Phase seiner Bekehrung „am meisten Hilfe gaben".
Schon dieser Wert rechtfertigt immer von neuem die Herausgabe der Visionen der A.K. Emmerick, wie auch jetzt wieder die Herausgabe des Gesamtwerkes in sechs Bänden durch Arnold Guillet im Christiana-Verlag. Band 1 umfaßt „Das Leben der heiligen Jungfrau Maria. Nach den Visionen der Augustinerin von Dülmen. Aufgeschrieben von Clemens Brentano". Die ältere, noch von Brentano selbst stammende Formulierung des Titels „ ... Nach den Betrachtungen ..." entsprach freilich mehr der demütigen Selbsteinschätzung der gottseligen Seherin, die die Resultate ihrer Ekstasen „nur Vorstellungen ihrer Seele, nie göttliche Offenbarungen" nannte, wie der Pfarrer von Dülmen, Dechant Rensing, ausdrücklich bezeugte. „Sie wollen nichts", so schrieb Brentano, „als sich demütig den unzählig verschiedenen Darstellungen ... durch bildende Künstler und fromme Schriftsteller anschließen und höchstens für ... Fastenbetrachtungen einer frommen Klosterfrau gelten, welche solchen Vorstellungen nie einen höheren als einen menschlich gebrechlichen Wert beilegte" („Das bittere Leiden", Vorwort zur 1. Auflage).
Das Marienleben ist keine fortlaufende Erzählung und bietet kein abgeschlossenes Lebensbild, aber viele charakteristische Züge. Wer ein vollständigeres Bild wünscht, soll auch das „Leben Jesu" (Bd. 2 bis 4) und „Das bittere Leiden" (Bd. 5) lesen, wo Maria ebenfalls häufig betrachtet wird. Die Aufzeichnungen beginnen mit den Voreltern der hl. Jungfrau und ihrer Mutter Anna, schildern ausführlich Empfängnis und Geburt Mariens, ihren Einzug in den Tempel und ihr Leben zu Jerusalem, die Vermählung mit dem hl. Joseph, ferner Verkündigung, Heimsuchung, Geburt. Jesu, Reise der hl. Drei Könige, Flucht nach Ägypten, Tod Mariens in Ephesus und ihre Himmelfahrt. Aus dieser Aufzählung wird ersichtlich, daß die Visionen nicht nur die Stationen des biblischen Marienlebens berühren, vielmehr auch solche der apokryphen Überlieferung, besonders des Protoevangeliums Jacobi aus dem 2. Jahrhundert.
Der Herausgeber hat die vorliegende 9. Auflage erweitert um einen Zyklus von 28 Graphiken im Nazarener-Stil, das von A.K. Ennnerick inspirierte „Marienleben" des Künstlers Ritter Joseph von Führich (1800-1876). Nicht nur dadurch, auch durch ihre ästhetische Gestaltung hat die Neuauflage gegenüber früheren gewonnen.
Abschließend eine Leseprobe, die für sich selbst spricht: „Die Mutter Gottes übertraf alle anderen Frauen an wunderbarer Schönheit. Sie leuchtete aus allen hervor durch unbeschreibliche Zucht, Einfalt. Einfachheit, Ernst, Sanftmut und Ruhe. Ihr Antlitz übertraf das aller Frauen um sie und aller Frauen, die ich jemals gesehen, an unaussprechlicher Reinheit, Unschuld, Ernst, Weisheit, Friede und süßer, andächtiger Lieblichkeit. Sie sah sehr jung aus und war schmal und groß. Sie hatte eine sehr hohe Stirne, eine längliche Nase, sehr große Augen sanft niedergeschlagen, einen sehr schönen, roten Mund und eine angenehm bräunliche Farbe mit rötlich schimmernden Wangen. Sie sah ganz erhaben und doch wie ein unschuldiges, einfaches Kind aus. Sie war sehr ernst, sehr still, oft traurig, aber nie zerrissen und ungebärdig. Die Tränen liefen ihr dann ganz sanft über das ruhige Angesicht. Sie war so sehr rein und ohne alle Nebeneindrücke, daß man in ihr nur das Ebenbild Gottes im Menschen sah. Niemandes Wesen glich ihr als das ihres Sohnes."
Gunther Maria Michel,
in: KIRCHE heute, Nr. 12/95, M12
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