Unbenannt65

Zur Gegenwart Marias in der altbulgarischen Literatur

Unter den getrennten Christen, die der Mutter des Herrn die gebührende Ehre erweisen, sind es besonders die Ostkirchen, die nach den Worten des Konzils „sich zur Verehrung der allzeit jungfräulichen Gottesmutter mit glühendem Eifer und andächtiger Gesinnung vereinen.“1 Die überwiegende Mehrheit der 150 bis 200 Millionen zählenden orthodoxen Christen sind Slaven und leben als unsere Nachbarn in Osteuropa, hauptsächlich in Rußland. Das ist allbekannt. Kaum bekannt hierzulande hingegen ist, welch bedeutsame Rolle bei der Evangelisierung der Slaven und besonders bei der Schaffung einer christlichen slavischen Kultur das kleine Bulgarien gespielt hat. Bulgarien kommt innerhalb der slavischen Orthodoxie in mancher Hinsicht ein historischer Primat zu.

Unter den slavischen Völkern hat das bulgarische die älteste staatliche Tradition. Einst dem Herzen Asiens, dem Altaigebirge und dessen Umgebung, entsprungen, wo sie ein Ganzes mit den Mongolen- und Mandschurenstämmen bildeten (3./2. Jahrtausend v. Chr.), dann im Verband der Hunnen von China westwärts abgedrängt,2 war das kriegerische Steppen- und Reitervolk der Urbulgaren durchs „Tor der Völker" im siebten Jahrhundert bis zum Herzen der Balkanhalbinsel vorgestoßen. Dort schloß es die zahlenmäßig weit überlegene slavische Bevölkerung in einem militärisch festgefügten Staatswesen zusammen und bedrohte das oströmische Reich. Der Friedensvertrag, den Byzanz 681 - fast zwei Jahrhunderte vor Gründung der Kiever Rus' (856) - mit dem Bulgaren-Chan Asparüch schließen mußte, gilt als die „Gründungsurkunde" des ersten bulgarischen Staates.

Die historische Geo-Region Bulgarien an der „Alten Straße" zwischen Europa und Asien ist ältester christlicher Boden. Dazu nur wenige Stichworte: Die ersten Gemeinden, die der hl. Paulus bei seiner zweiten Missionsreise auf dem europäischen Festland gründete, nachdem ihm nachts in einer Vision ein Mazedonier erschienen war, nämlich Philippoi, Thessalonike und Bérroia (vgl. Apg 16, 9 ff), lagen auf später - zeitweise - bulgarischem Territorium. (In Philippoi z. B. hat man 1924 eine urbulgarische Steininschrift Fürst Pressiáns mit folgendem Text ausgegraben: „Wenn jemand die Wahrheit sucht: Gott sieht es, und wenn jemand lügt: Gott sieht es. Den Christen haben die Bulgaren viel Gutes getan, und die Christen haben es vergessen. Aber Gott sieht“3.) - Die Evangelisierung der thrakisch-illyrischen Bevölkerung im Gebiet des späteren slavobulgarischen Staates erzielte bis zur Invasion der Slaven auf dem Balkan (6./7. Jh.) vor allem seit dem vierten Jahrhundert bedeutende Erfolge; damit drang auch die Verehrung Marias ein, der Kirchen und Klöster geweiht wurden. - Im Jahre 343 fand in Sérdika - der heutigen Hauptstadt Sófia - eine Synode statt, auf welcher der Primat des römischen Bischofs anerkannt wurde, zugleich aber erstmals der Spalt zwischen Ost- und Westkirche aufbrach. - Christ war auch schon Chan Kubrát, der Herrscher des aus byzantinischen Quellen bekannten „Großbulgariens" („Megále Boulgaría") nördlich des Schwarzmeers, Vater des erwähnten Asparúch. - Und mehr als hundert Jahre bevor Vladímir, der Großfürst von Kiev, sich taufen ließ (988), nahm Chan Borís mit seinem Volk im Jahre 865 von Byzanz das Christentum an, „jener Fürst, der", wie ein Nachfahre im 15. Jahrhundert schrieb, „im reinen Glauben und rechtgläubigen Bekenntnis unseres Herrn Jesus Christus lebte ... unser großer, frommer und rechtgläubiger bulgarischer Herrscher mit Namen Borís, dessen christlicher Name Michaíl war. Dieser Boris taufte die Bulgaren im Jahre ‚etch betchi’4 im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes".5

Etwa um die gleiche Zeit, 862/63, begründeten Kyrill und Method das altbulgarische und damit das slavische Schrifttum überhaupt. Der großmährische Fürst Rostislav hatte an Michael III. von Byzanz die Bitte gerichtet, seinem Volk einen Bischof und Lehrer zu senden, der es in einer verständlichen Sprache im wahren christlichen Glauben unterweise. Der Kaiser betraute mit diesem Auftrag die Brüder aus Saloniki, die sich schon bei Missionen zu den Sarazenen und Chasaren bewährt und auch unter den Bulgaren am Lauf der Bregálnitza (Mazedonien) missioniert hatten: „Ihr seid Thessalonicher, und alle Thessalonicher sprechen rein slawisch", so lautete die Begründung.6 Daraufhin schuf Kyrill das erste slavische Alphabet, die „Glagólitza", und übersetzte, unterstützt von seinem Bruder, in die slavobulgarische Mundart von „Solun" (= Saloniki) die wichtigsten gottesdienstlichen Bücher, als erstes das Evangeliar. So trat die neue Schriftsprache mit den Worten: „Iskoni be slovo - Im Anfang war das Wort" ins Leben. Sie wurde das Medium, durch das die Slaven sich das kulturelle Erbe von Byzanz aneigneten. Als Kirchenslavisch wurde Altbulgarisch dann das „Latein" der Slaven. Die slavischen Bücher hat Papst Hadrian II. 868 in Rom gebilligt. Die Vita Cyrilli berichtet: „Nachdem nun der Papst die slawischen Bücher entgegengenommen hatte, weihte er sie und legte sie in der Kirche der heiligen Maria nieder, die ‚Krippe’ genannt wird; und man sang über ihnen die heilige Liturgie."7 Method wurde zum Erzbischof für den Bereich der alten Diözese Pannonien auf den Stuhl des hl. Andronikus geweiht und zum päpstlichen Legaten „ad gentes" (für die Slavenvölker) ernannt.

Über die Bedeutung der Slavenapostel heißt es im Rundschreiben Slavorum Apostoli: „Alle Kulturen der slawischen Völker verdanken ihren ‚Anfang’ oder ihre Entwicklung dem Werk der Brüder aus Saloniki." „Das apostolisch-missionarische Wirken der heiligen Cyrill und Methodius ... kann als die ‚erste wirkliche Evangelisierung der Slawen’ betrachtet werden." „Zu Recht wurden deshalb die heiligen Cyrill und Methodius von der Familie der slawischen Völker schon früh als Väter sowohl ihres Christentums als auch ihrer Kultur anerkannt." „Ihr Werk bildet einen hervorragenden Beitrag für die Bildung der gemeinsamen christlichen Wurzeln Europas; jener Wurzeln, die wegen ihrer Festigkeit und Lebenskraft einen der solidesten Bezugspunkte bilden, von denen kein ernsthafter Versuch, die Einheit des Kontinents auf neue und heutige Weise wiederherzustellen, absehen kann.“8 Die heiligen Kyrill und Method hat Papst Johannes Paul II. 1980 zu Mitpatronen Europas neben dem hl. Benedikt erhoben.9

Nach Methods Tod (885) brach die slavische Mission in Mähren zusammen. Seine Schüler wurden barbarisch vertrieben. Klemens, Naum und Angelarius fanden in Bulgarien Aufnahme bei Fürst Boris. Nun konnte sich die kyrillomethodianische Mission frei entfalten, vor allem in Preslav, der Hauptstadt im Osten des Reiches, und im Südwesten am Ochridsee. „Hier entstanden dank des Wirkens des hl. Klemens von Ochrida kraftvolle Zentren des monastischen Lebens, hier entfaltete sich besonders das kyrillische Alphabet. Von hier aus verbreitete sich das Christentum auch in andere Gebiete, über das benachbarte Rumänien bis hin in das antike Rus'-Reich von Kiew, um sich dann von Moskau noch weiter nach Osten auszubreiten.“10

Unter Boris' Sohn Symeón, („Zar der Bulgaren und Griechen“), gelangte die altbulgarische Literatur in wenigen Jahrzehnten zu hoher Blüte. Symeón selbst war ein Gelehrter und Förderer der Künste. Wegen seiner vorzüglichen Bildung - er hatte am Magnaura-Palast in Konstantinopel studiert - nannte man ihn „Halbgriechen". Seine Regierungszeit (893-927) wird als das „Goldene Zeitalter“ der bulgarischen Kultur gerühmt. Unter dem Einfluß byzantinischer Vorbilder entstanden Werke, die Jahrhunderte hindurch in der gesamten Slavenwelt, namentlich in Rußland, in zahllosen Abschriften kursierten, wie die Viten der Slavenapostel; die Lobreden und Lehrreden des Klemens von Ochrida; das Lehrhafte Evangelium, der Prolog zum Evangelium und das Akrostich-Gebet Konstantins von Preslav; das Hexaëmeron und die Theologie des Exarchen Johannes, der Traktat des Mönchs Chrabr über die Buchstaben, Zar Symeóns Sammelwerk usw. Die ältesten russischen und serbischen Codices wie das altrussische Ostromir-Evangeliar (1056/ 57) oder das altserbische Miroslav-Evangeliar (2. Hälfte d. 12. Jh.) sind Abschriften von altbulgarischen Originalen.

Frucht der jungen Kirche (seit 919 autokephales Patriarchat): Fürst Boris, Klemens von Ochrida und Johannes der Exarch wurden schon bald nach ihrem Tod als Heilige verehrt, später auch Klemens’ Schüler Naum, der Einsiedler Ivan von Rila, Zar Petâr und andere.

Ende 14., Anfang 15. Jahrhundert ging von Bulgarien abermals ein starker Impuls aus („Zweiter Südslavischer Einfluß"), als das Reich der Asseniden dem osmanischen Ansturm erlag und die Schüler des Patriarchen Euthymius nach Serbien, Rumänien, Moldawien und Rußland emigrierten und dort im Sinne der Euthymianischen oder Târnovo-Schule (Orthographiereform, schwer geschmückter Stil, Revision der Kirchenbücher nach dem griechischen Original) großen Einfluß ausübten.

Freilich, Bulgarien ist auch als Herd einer Irrlehre berüchtigt. Bereits Anfang des 10. Jahrhunderts, wenige Jahrzehnte nach der Christianisierung und ein Jahrhundert vor dem Auftauchen der Katharer in Italien und Frankreich, bildete sich in Mazedonien die Bogomilensekte, eine gegen Kirche und Bojaren gerichtete bäuerliche Bewegung, deren Lehre ein Gemisch aus manichäischem Dualismus, Residuen bodenständigen Heidentums- und apokryphem Gedankengut darstellt.11 In einer Streitschrift verteidigte der Presbyter Kosmas den orthodoxen Glauben, dabei auch die Verehrung der Muttergottes. Er schreibt u. a.: „Die einen nannten sie verschlossenes und für niemand außer dem Einen Gott durchschreitbare Pforte, andere - geistliche Leiter, auf der die Gläubigen zum Himmel aufsteigen; wiederum andere - heiligen Berg, auf dem Gott sich niedergelassen hat; ein anderer nannte sie Händchen, welches Himmelsmanna sammelt. David aber nannte sie Königin und Tochter: Königin, weil sie die Mutter des himmlischen Königs geworden, und Tochter, weil sie von seinem Samen geboren ist."12 Eine von Zar Boril einberufene Synode verurteilte 1211 die bogomilische Häresie. Artikel 85 lautet: „Wer die Jungfrau und Gottesgebärerin eine gewöhnliche Frau nennt - dreimal Anathema."13 Man geht übrigens nicht fehl, wenn man im Bogomilentum eine der geistigen Wurzeln der Reformation, der französischen Revolution und sogar des Feminismus erblickt.14

Nachdem nun ein wenig die „Erstlingsrolle" Bulgariens innerhalb der slavischen Orthodoxie dargelegt wurde, seien folgende Momente hervorgehoben, die das geistige Antlitz seiner alten Literatur prägen:

1. Das Christentum ist die geistige Grundlage der alten bulgarischen Literatur für die gesamte Periode bis Mitte des 18. Jahrhunderts. Wurde die slavisch-bulgarische Literatur mit den geheiligten Worten des Johannesprologs vom Göttlichen Wort geboren, so mag ihren Ausklang in der bulgarisch-katholischen Literatur (neben den Damaskini, Damaskinari und Chroniknotizen) ein Zitat aus dem Nachwort des Abagar von Filip Stanislavov illustrieren: „In Ewigkeit werde gelobt und verherrlicht der Leib Christi. Jesus und Maria, euch schenke ich mein Herz und meine Seele. Bittet Gott für mich, den Sünder. Amen."15

2. Maria ist in der bulgarischen Literatur von Anfang an gegenwärtig. Das früheste erhaltene literarische Zeugnis der Marienverehrung scheint eine glagolitische Inschrift der Rundkirche von Preslav, der berühmten „goldenen Kirche“ Symeóns, zu sein. Es handelt sich um eine Einritzung an der Südwand des Haupteingangs zum Naos. Sie lautet schlicht: „O mater’ bozija - O Mutter Gottes!".16 Die Preslaver Graffiti datieren aus der Zeit Symeóns und sind die ältesten (slavo)bulgarischen Inschriften überhaupt.

3. Die bulgarische bzw. slavische Literatur ist von Anbeginn der Gottesmutter geweiht. Die erwähnte Niederlegung der Bücher in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore (damals „ad praesepe") hat nämlich augenscheinlich den Sinn einer Weihe an Maria. Besondere Tragweite offenbart der Vorgang, wenn man sich Bischof Grabers Sicht vom Symbolgehalt dieser größten römischen Marienkirche zu eigen macht: daß sie die heilsgeschichtliche Sendung des Abendlandes verkörpere.17 Wahrhaftig ein ökumenisches Symbol: Cum Petro ad Jesum per Mariam!

Anmerkungen

1 Lumen Gentium, 69.
2 Stanco Vaklinov, Formirane na starobâlgarskata kultura VI-XI vek, Sofija 1977, 15 f.
3 Jordan Ivanov, Bâlgarski starini iz Makedonija, 2. Aufl. 1931, 10-12. Die urbulgarischen Inschriften sind in griechischer Sprache verfaßt.
4 d. h. „im Jahre des Hundes" nach dem urbulgarischen Kalender
5 Randbemerkung zu den Reden Athanasius’ von Alexandrien, (in:) Hristomatija po starobâlgarska literatura, (hrsg.) Petâr Dinekov / Kujo Kuev / Donka Petkanova, 3. Aufl. 1974, 142 f. - Von der Taufe Bulgariens kündet am frühesten die Inschrift von Balschi aus dem J. 866: „Es hat sich taufen lassen der Archont von Bulgarien Boris auf den neuen Namen Michail zusammen mit dem von Gott ihm gegebenen Volk im Jahre 6374", (in:) Jordan Ivanov, op. cit., 12-16.
6 Vita Methodii, V. (in:) Joseph Schütz, Die Lehrer der Slaven Kyrill und Method, Die Lebensbeschreibungen zweier Missionare, Erzabtei S. Ottilien 1985, 92.
7 Vita Cyrilli, XVII. ibid., 76 f.
8 Rundschreiben ‚Slavorum Apostoli’ Papst Johannes Paul Il. vom 2. Juni 1985, passim.
9 durch das apostolische Rundschreiben ,Egregiae virtutis` vom 31. Dezember 1980
10 Slavorum Apostoli, 24
11 Vgl. Donka Petkanova, Starobâlgarska literatura, I (IX-XII vek), Sofija 1986, 316 f.
12 Iz Besedata protiv Bogomilite, (in:) Hristomatija, op. cit. 203
13 Iz Borilovija Sinodik, (in:) Hristomatija, 311
14 Vgl. Roger Bernard, La contribution des Bulgares à la vie spirituelle de 1’Europe, Pârvi Mezdunaroden kongres po bâlgaristika, Plenarni dokladi, Bâlgarska akademija na naukite, o. J. [1981], 11-18
15 (In:) Hristomatija, 516
16 Al’bina Alex. Medynceva/ K. Popkonstantinov, Nadpisi iz krugloj cerkvi v Preslave, Sofija 1985, 59 f, 128 f. Die Autoren lehnen diese Lesung (von Ivan Gosev 1961) ab; sie sehen in den Graffiti zwei Christus-Monogramme.
17 Vgl. Friedrich Opitz, Maria rettet den Papst, das Abendland, die Familie. Manuskriptdruck für die Schönstattfamilie 1983, 20-22.

 

Gunther Maria Michel,

In: Mariologisches, Sonderbeilage zu Theologisches, Nr. 8 (1987), M 31-34.

 

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