Unbenannt65

Dissertationsgutachten
von Prof. Dr. Wolfgang Gesemann

Prof. Dr. Wolfgang Gesemann
FR Slavistik
Universität des Saarlandes                d. 26.10.1985

 

GUTACHTEN zu der Dissertation von Gunther M i c h e l :
“Das Plovdiver Evangeliar. Ein Denkmal der mittelbulgarischen Sprache des 13. - 14. Jahrhunderts”

 

Wie der Untertitel der Arbeit besagt, handelt es sich um die kritische Herausgabe eines (scil. zeitlich gemeint) mittelbulgarischen Textes. Es ist ein im orthodoxen Kirchendienst verwendetes Evangeliar des kurzen Aprakostyps, ein Denkmal auf Pergament von 168 Seiten (recto et verso gezählt), das sich derzeit in der Plovdiver Nationalbibliothek befindet.

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile:

1. Band I, der den Text Seite für Seite, Buchstabe für Buchstabe, Zeichen für Zeichen durch des Editors Hand reproduziert (nicht faksimiliert!) und mit paläographisch-textkritischen Anmerkungen Seite für Seite begleitet. Dieser Band enthält danach ein analoges Evangelistenzitatenregister sowie abschließend einen photographischen Anhang von auf 12 Seiten reproduzierten 12 ausgewählten Seiten des Denkmals.

2. Band II, der als ersten Teil die eigentliche paläographisch-kritische Beschreibung und Analyse des Denkmals bringt. Der begleitende Anmerkungsapparat des 1. Bandes ist nun durch die quasi paradigmatische Thematisierung des Gegenstandes ersetzt. Der Herausgeber bietet eine Einleitung, die die allgemeine Bedeutung, Aufgabenstellung und den bisherigen Forschungsstand des Denkmals charakterisiert. Ihr folgt die paläographische Analyse, die sich akribisch allen Einzelheiten widmet: äußere Beschaffenheit und Zustand des Denkmals, graphische Analyse der Schreiber (drei Schreiber werden erschlossen), Duktus, Ligaturen, Zahlen (scil. Buchstabenzahlen), Satz- und Supralinearzeichen, Titlos, Buchschmuck (Initialen), Randzeichen (S. 9-37). Es folgt ein gedrängter Schlußteil, der die Datierung präzisiert und die Ergebnisse bilanziert (S. 38-55). Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis sowie 7 Seiten photographische Abbildungen (Initialen, Ligaturen, Schreiberproben) beschließen den II. Teil.

3. Band II, zweiter Teil stellt einen Exkurs ortho-graphemo-phonematischer Art dar, der an einem lautlichen Einzelmerkmal auf mathematisch-statistischer Basis exemplifiziert wird (Verteilung der Dublettenschreibung -e/je-) und verschiedene Rückschlüsse regional-historisch-stratigraphisch-dialektaler Art gestattet.

Ad 1) Band I, der umfangreichste, stellt eine Leistung sui generis dar. Mit außerordentlicher Hingabe, Genauigkeit, kalligraphischem Vermögen wird der Denkmaltext reproduziert, wobei das variante Buchstabeninventar, wo statthaft, in der Wiedergabe normalisiert bzw. vereinheitlicht wird, natürlich unter (kritisch vermerkter) Beibehaltung der Fehler der Schreiber-Kopisten. Dasselbe gilt für die supralinearen Zeichen. Abkürzungen wurden übernommen, die Interpunktion ebenso. Die scriptura continuata des Originals wurde in Wörter aufgelöst. Der Aufbau des Textapparats und der Einsatz verschiedener Siglen ist von durchdachter, lückenloser Präzision. Zur Abhebung des Plovdiver Evangeliars vom altbulgarischen Bestand wurde letzterer nach Sadnik-Aitzetmüller transkribiert. Der Herausgeber folgt der Editionsmethode von Vatroslav Jagic (Codex Marianus) und der neutestamentlichen von Nestle und Nestle-Aland. Das besondere Anliegen des Bandes ist es, die Eigentümlichkeiten des Plovdiver Evangeliars seinen ‘klassischen’ altbulgarischen Vorläufer-Codices gegenüber herauszustellen, “um auf diese Weise das spezifisch Mittelbulgarische herauszufiltern” (I, S. X). Der Editor hat auf diese Weise seinen Codex mit einem Höchstmaß an Präzision beschrieben, eine Arbeit, bei der sich aufopferungsvoller Fleiß mit unbestechlichem analytischem Blick die Waage halten. Allein schon für diesen Teil gebührt dem Promovenden Dank und Lob.

Ad 2) Handelte es sich bei (1) um eine in der heutigen Slavistik nur von wenigen gepflegte Kunst makelfreier Edition handgeschriebener Denkmäler, geht es hier um die eigentliche paläographische Analyse und kritisch systematische Einordnung und Auswertung des Denkmals. Die Forschung hat sich seiner bislang nur stiefmütterlich angenommen, am eingehendsten Páta 1921. Die zeitliche Zuordnung schwankte um hundert Jahre (13. und 14. Jahrh.) und die sprachräumige zwischen serbischer und westbulgarischer Redaktion. Direktindizien fehlen. Der Editor bietet eine äußerst eingehende, exakte Beschreibung aller Realia vom Pergament bis zu den kleinsten beobachtbaren Zügen der Schrift, Initialen, Randzeichen, Zahlenangaben etc. unter Aufgebot von großem Wissen um die kirchlich-liturgische Verwendungskomponente des Textes und seine philologischen Implikationen. So wird dessen annähernde Datierung und Lokalisierung über den bisherigen Stand hinaus schrittweise immer stärker präzisiert, nämlich auf die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert und auf Nordwestbulgarien bzw. Nordostmakedonien. Eine serbische Redaktion wird abgewiesen und als sekundärer Einfluß (Expansion des serbischen Reiches) erklärt. Die minutiösen Beobachtungen gestatten dabei einen sehr interessanten Einblick in ein als provinziell einzustufendes Skriptorium jener Zeit: nicht griechenfreundlich, seine Gepflogenheiten, sein Kenntnisstand der altbulgarischen kirchentextlichen Überlieferung, seine Präferenzen der Heiligenverehrung u.v.a.m. Mehr noch, es gelingt dem Editor, über Typologisches hinaus auch noch individuelle Varianten des Schreibers (bzw. der Schreiber) zu ermitteln, was alles eine profunde Erfassung damaliger geistlicher klösterlicher Praxis in der slavischen Orthodoxie außerhalb ihrer großen Zentren wie etwa dem Athos zumindest in einem Teilbereich ermöglicht. Ohne solche mikroskopische Akribie hätte der Text seine verborgenen Schätze nicht preisgegeben, was ihn zweifellos so lange der forscherlichen Aufmerksamkeit entzog. Äußerst scharfsinnig ist etwa die Entschlüsselung der sog. “Eusebianischen Sektionszahlen” und Konjektur bzw. Begründung ihrer Fehlerhaftigkeit (die Buchstabenziffern differieren zwischen dem älteren, teilweise noch als Vorlage dienenden glagolitischen und dem hier vorliegenden kyrillischen System; Editor spricht u.a. von “Pseudokyrillismus”, S. 26). Editor zieht den Schluß: “Die fast zur Hälfte verderbten Abschnittszahlen (scil. Perikopen) wurden nichtsdestoweniger aus Tradition mitgeschleppt. Man bedurfte ihrer in der Liturgie nicht, es genügten die Datumsverweise (scil. nach dem Kirchenkalender), und so wurden sie auch nicht verbessert” (ebda.), eine einleuchtende Erklärung. Die Arbeit ist voller solcher logischer Erklärungshilfen, z.B.: “Es läßt sich nachweisen, daß der Buchschmuck nicht nur schmückende, sondern auch eine ganz praktische Funktion hat: er gliedert die Perikopen entsprechend dem Kirchenjahr zu Gruppen, weist auf den Charakter und die liturgische Rangordnung der Feste hin” (S. 43).

Ad 3) Wurde in (1) und (2) die Analyse vorrangig mit philologisch deskriptiven Mitteln bestritten, führt der Exkurs eine weitere Methode ein, die mathematisch- sprachstatistische. Nachdem auch Einwände diskutierend die -e/je-Zeichen als kombinatorisch-fakultative Varianten desselben Graphems bestimmt sind, wird ihre Verteilung unter dem Komplementärgesetz von Regelhaftigkeit versus Stochasmus (Zufallsstreuung) untersucht. Zwecks Analyse des Variationsverhaltens in den freien (i.e. fakultativen) Positionen wird der Text einmal unter dem statischen Aspekt betrachtet, wobei sich die scheinbare Willkür der Orthographie als System von Abhängigkeiten (von der Position in Wort und Zeile, vom vorausgehenden Vokal etc.) entpuppt - deren Stärke wird in Koeffizienten ausgedrückt und somit vergleichbar! -, zum andern unter dem dynamischen Aspekt als Prozeß (“Zeitreihe”). Dank einer Einteilung des Textes in Intervalle wird eine “Wellenbewegung” des Allographemgebrauchs registriert. Tabellen belegen, Graphiken veranschaulichen die Prozeduren. Dem Verfasser ist die Experimentierfreude anzumerken, etwa wenn er die Iterationen, die Frage der Zufälligkeit des Abfolgens von freien Varianten, untersucht und einen “Klumpungseffekt” errechnet, aber er betreibt nicht l’art pour l’art. Die Methodik ist vom Interesse am sprachlichen Faktum diktiert, die Resulate werden aus der mathematischen Metasprache in die linguistische zurückübersetzt (phonetisch/ phonematische und dialektologische Interpretation) und sogar in extralinguale Bezüge gestellt, so wenn die Wellenbewegung als Auseinandersetzung zwischen bodenständiger und fremder orthographischer Norm (serbische “Expansion” in Nordostmazedonien) gedeutet wird. Im Blickfeld des Verfassers liegt stets auch die handschriftliche Überlieferung. So gelingen ihm en passant Beobachtungen, die für sich genommen Beachtung verdienen, z.B. wird der mazedobulgarische Ursprung eines charakteristischen Merkmals der altserbisch-raszischen Redaktion, die Buchstabenverdopplung, plausibel aufgezeigt. In methodischer Hinsicht ist der Exkurs ein Novum für die Altbulgaristik wie auch für die eher lexikalisch orientierte Sprachstatistik. Eine solche am Detail durchgeführte Pionierarbeit eröffnet die bislang in der Forschung ungenützte, ja ungeahnte Möglichkeit, Denkmäler stratigraphisch und diachron weitaus präziser orten zu können als bisher.

Der Promovend hatte die Absicht, nicht nur die kritische Edition vorzulegen, sondern in Fortsetzung des “Exkurses” den gesamten phonematischen, morphologischen und syntaktischen Bereich des Denkmals zu analysieren. Ich habe ihm davon dringend abgeraten, um die Arbeit nicht ins Unermeßliche anschwellen zu lassen.

 

Abschließende Bewertung:

Die kritisch kommentierte, analysierte und ausgewertete Edition eines bisher ungenügend gewürdigten mittelbulgarischen Denkmals, seine Abhebung vom Altbulgarischen und seine historische und regionale Bestimmung stellt eine beeindruckende Leistung dar. Sie greift eine von der Begründerin der saarländischen Slavistik, Linda Sadnik-Aitzetmüller gesetzte Tradition nach langer Pause wieder auf und erfüllt aufs Glücklichste den partnerschaftlichen Auftrag unserer Universität mit der Sofioter Schwesteruniversität im Bereich der Forschung. Das beeindruckende Werk baut auch auf der Ausbildung auf, die das paläoslavistisch orientierte Bulgarisch-Lektorat im Saarland erbringt, sowie auf Sofioter Stipendiengewährung. Ich betone zugleich, daß der Kandidat solche Hilfen völlig eigenständig verarbeitet und in mancher Hinsicht weiterentwickelt hat. Er beherrscht die wissenschaftliche Editionstechnik und ihren Apparat bestens und er denkt kombinatorisch. Er geht mit einem Höchstmaß an Präzision vor, forciert nicht, sondern belegt oder erwägt seine Thesen in wohltuend abgeklärter Weise. Neuland beschreitet er mit dem Einbezug mathematisch-linguistischer Statistik, die er dem Gegenstand nicht aufstülpt, sondern für die differnzierende Interpretation fruchtbar macht. Der Kand-at hat schon früher einen vorzüglichen Artikel sprachstatistischer Art zum diachronen Vergleich der bulgarischen und neugriechischen Wortlänge zum I. Internationalen Bulgaristik- Kongreß (Sofia 1981) geliefert.

Alles in allem erachte ich die Arbeit für ein nicht zufälliges Glück, das das Ergebnis vorzüglich genützter Bedingungen und persönlicher Begabung ist. Die Aufmerksamkeit der Paläoslavistik ist dieser Edition und ihrem Kommentar sicher.

(...)

[Startseite] [Sitemap] [Neu auf dieser Site] [Vita D. N. Jesu Christi] [Artikel] [Plovdiver Evangeliar] [Lobrede] [Belehrung] [Gegenwart Marias] [Dialektologisches] [Die Slawenapostel] [Ciprovska] [O heilig Herz...] [Eugen Bossilkov] [Evangelisation] [Alexia] [Antlitz Mariens] [Was ist der Mensch?] [Verschiedenes] [Ad personam] [Stefka Michel] [Links] [Kontakt] [Impressum]

© Gunther Maria Michel. Alle Rechte vorbehalten.
Seit dem + 21. Oktober 2006