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Hl. Klemens von Ochrida (um 840 - 27.7.916)
Lobrede auf den Heimgang der Gottesgebärerin
Seht, welch herrliches Fest ist heute! Tanzt und klatscht in die Hände, kommt, Geliebte! freuen wir uns an diesem erstaunlichen Wunder. Werfen wir ab die Finsternis des Lebens, erleuchten wir unsere leiblichen Augen und erheben wir unseren Geist, um das ganz wunderbare Entschlafen der Mutter des Herrn zu betrachten, dazu seine Jünger, die auf Wolken zusammengekommen sind, um den allerreinsten Leib unserer wahrhaft hochheiligen und glorreichen Gebieterin und allzeit jungfräulichen Gottesgebärerin Maria zu geleiten.
Denn durch sie wurde das durch die Sünde hinfällig gewordene Menschengeschlecht erneuert. Durch sie wurde Eden aufgeschlossen, das wegen der Stammutter Eva vordem verschlossen war. Durch sie wandte sich das lodernde Flammenschwert und floh und wurde der Weg geöffnet, auf dem man zur Nahrung des Lebens hineingeht. Durch sie zerbrach der Fluch und erblühte der Segen. Und von wo der Tod bei uns eingezogen war, von da kam das unsterbliche Leben hervor. Denn sie zeigte sich als neuer Himmel, als sie den Schöpfer des Himmels und der Erde trug. Durch sie wurde die Menschheit vergöttlicht, als Christus in ihrem hochheiligen Schoß lag.
Denn als unser Gott uns durch die Verführung des Teufels dem Tod und der Verwesung verfallen erblickte, duldete er nicht, die nach seinem Bild Erschaffenen hinfällig geworden und in so großes Übel gefallen zu sehen, sondern hatte in seiner Barmherzigkeit Erbarmen mit uns und kam, den Himmel neigend, herab wie einst der Regen auf das Vlies, indem er Wohnung im Schoß einer Jungfrau nahm und seine Gottheit mit Fleisch bedeckte, und wurde zugleich Gott und Mensch, in zwei Naturen. Darum wird jene, die ihn gebar, Gottesgebärerin genannt. Ihre hochheilige Entschlafung feiern wir jetzt in herrlicher Freude.
Wenn aber jemand in seinem Verstand unziemliche Überlegungen anstellt und redet: „Den Tod hätte die nicht erleiden dürfen, die den Lebensspender Gott geboren hat", dem geben wir folgende Antwort: „Da Adam nach der Übertretung gesagt worden war: ‚Erde bist du und zur Erde gehst du’ und wir von ihm wie den Anfang und das Geschlecht unseres Seins so auch das Ende haben, deshalb erlitt auch unser Herr Jesus Christus, als er auf die Erde kam und sich diesem sterblichen Fleisch beimischte, unsertwegen dem Fleisch nach den Tod - aber nicht der Gottheit nach. Denn der Gottheit nach ist er ewig leidensunfähig und unsterblich. Weil er jedoch zweifacher Natur war, Gott und Mensch, deshalb erlitt er mit der Menschheit, aber nicht mit der Gottheit, den Tod und erstand als Unsterblicher, mit sich zusammen Adam, den Erstgeschaffenen, und die übrigen Gerechten auferweckend, die nach diesem gestorben waren. Deshalb hat auch die hochheilige Herrin und allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria im Fleisch den Tod erlitten, wobei Gott der Herr selbst mit einer großen Schar unkörperlicher Kräfte vom Himmel zu ihr herniederstieg und mit seinen allerreinsten Händen ihre hochheilige Seele aufnahm, auf ihr Gebet hin aber die Apostel auf Wolken durch geistige Kraft getragen sich aus allen Gegenden versammelten, - nicht nur die am Leben waren, sondern auch die bereits hingeschiedenen, - zum Zeugnis und um dem verehrungswürdigen Leib der allerreinsten Mutter des Herrn das Geleit zu geben. Von da brachten sie sie dann nach Getsemani, dort verrichteten sie das Küssen und die Lobgesänge und bestatteten sie so in einem Grab. Von dort ist sie dann am dritten Tag aus dem Grab aufgestanden, denn so geziemte es sich: daß sie dem Grab entrissen würde und daß die Mutter beim Sohn wäre.
Heute also ist die Mutter des Lebens ins ewige Leben heimgegangen, dem Menschengeschlecht das Tor zum Paradies aufschließend. Heute fährt die Mutter unseres Herrn und Gottes aus dem unteren Jerusalem ins obere auf, in die himmlische Stadt des ewigen Reichs Christi. Heute steigt die hellleuchtende Wolke auf zum unzugänglichen Licht der unkörperlichen Kräfte.
Ihr laßt uns jetzt zu Füßen fallen und ihr zum Lobe mit lauter Stimme sprechen:
Freu dich, du Paradies des Wortes, die du Unsterblichkeit ausgegossen hast über das Menschengeschlecht!
Freu dich, du neue Lade, die du nicht steinerne Tafeln trugst, sondern den Gesetzgeber selbst geboren hast, Christus, den Heiland der Welt!
Freu dich, du nichtverbrennender Dornbusch, die du der Gottheit Feuer in deinem ganz reinen Schoße trugst!
Freu dich, du unbehauener Berg, von dem der Stein der Erkenntnis losbrach, Christus, und die Götzenbilder zermalmte und ihren Dienst verbrannte!
Freu dich, du helleuchtende Wolke, die du die geistige Sonne, Christus, in deinem Schoß getragen hast!
Freu dich, du Freude der unkörperlichen Kräfte, die du den Schöpfer der Engel und Erschaffer aller Kreatur ohne Samen empfangen und unsagbar geboren hast!
Freu dich, du Erfüllung der Weissagungen und Vollendung unserer Erneuerung!
Freu dich, du Freude der Apostel und fester Stand der Märtyrer!
Freu dich, du weites Gefäß des unfaßbaren Wesens! Freu dich, du Leuchte, die du das nichtuntergehende Licht in dir empfingst und das Weltall mit Gotteserkenntnis erleuchtetest und immerfort erleuchtest durch deine lichterfüllten Gebete!
Freu dich, du geistiger Tisch, die du das Himmelsbrot aufnahmst, das zur Rettung aller sich hingab und hingibt für das Leben der Gläubigen!
Freu dich, du Erneuerung Adams und Lösung Evas! Denn durch dich, o Herrin, wurden wir vom Trug des Götzendienstes befreit.
Durch dich auch haben wir die Rückkehr ins ursprüngliche Leben gefunden.
Durch dich, hochheilige Herrin, heißen wir Kinder Gottes durch den Glauben, wenn wir auf die Heilige Dreifaltigkeit getauft werden.
Durch dich wurde unser Widersacher, der Teufel, besiegt und ins ewige Feuer verdammt mit all seinen Dämonen. Durch dich werden jegliche Irrlehren und die Feinde der Christen überwunden!
Durch dich, hochheilige Jungfrau, werden unsere Krankheiten und Leiden vertrieben und wird der Dämonenkult vernichtet.
Durch dich, du Hochheilige, werden die Hochmütigen gedemütigt, die Armen aber reich gemacht, behütet durch die Gnade.
Durch dich, hochheilige Herrin, wurde das Paradies aufgeschlossen und wird das Himmelreich umsonst gegeben denen, die dich gläubig als Mutter Gottes bekennen.
Denn du hast dich als Beistand der Betrübten und Heil der Kranken gezeigt, weil du den getragen hast, der die Krankheiten und Leiden auf sich trug dadurch, daß er unsrer Natur war.
Dich rühmen, o Jungfrau Gottesgebärerin, der Erzengel und der unkörperlichen Wesen Ordnungen; dich rühmen der Patriarchen und der Propheten Reihen; dich ehren der Engel Versammlungen und der Märtyrer Heere. Du bist der Kranz der Patriarchen und die Rettung des Menschengeschlechtes. Darum bitte für uns auch jetzt ohne Unterlaß, die wir deine hochheilige Entschlafung verehren: vertreib alle Leiden und heile die Krankheiten, zerstreu die Anfechtungen und vertilge die Irrlehren, schenk uns Frieden und Heil und erfleh uns das Himmelreich von deinem Sohn, unserem Herrn, Gott und Erlöser Jesus Christus: ihm gebührt Herrlichkeit, Ehre und Anbetung mit seinem ohne Anfang seienden Vater und dem allerheiligsten und gütigen und lebendigmachenden Geist jetzt und in alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.
Nach der Abschrift im altserbischen Sammel-Kodex- Mihanovics, 13. Jh., und nach der mittelbulgarischen Sofioter Abschrift, 14. Jh., aus dem Altbulgarischen übersetzt von Gunther Maria Michel
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