Unbenannt65

Dissertationsgutachten
von Prof. Dr. Eckhard Weiher

ALBERT-LUDWIGS-UNIVERSITÄT FREIBURG I. BR.
SLAVISCHES SEMINAR
Der Direktor
Prof. Dr. Eckhard Weiher

Gutachten über die Dissertation
“Das Plovdiver Evangeliar, ein Denkmal der mittelbulgarischen Sprache des 13.-14. Jahrhunderts. Edition und Untersuchung.” I - II.
von Herrn Gunther MICHEL

 

Innerhalb der altkirchenslavischen und der umfangreichen jüngeren kirchenslavischen Literatur stellen die Abschriften und Redaktionen der von Konstantin-Kyrill übersetzten Evangelien ein spezielles und besonders schwieriges Kapitel dar, bei dessen Erforschung noch lange kein Ende abzusehen ist. Sind schon die ältesten zum sog. altkirchenslavischen Kanon gehörenden Evangelientexte keineswegs hinreichend erforscht, so gilt dies in noch höherem Maße für die aus dem 12. bis 14. Jahrhundert überlieferten Handschriften. Ihre genauere Kenntnis hat nicht nur große Bedeutung für die Geschichte des jüngeren Kirchenslavischen, sondern auch für die Rekonstruktion der ursprünglichen Übersetzung, deren Original ja nicht überliefert ist. So stellt die genaue Erschließung jedes noch unbekannten Evangelientextes auch aus dieser jüngeren Überlieferungsperiode einen wissenschaftlichen Gewinn dar, zumal wenn es sich, wie beim Plovdiver Evangeliar, um eine kyrillische Abschrift handelt, bei der noch so deutlich die alte glagolitische Fassung durchscheint.

Seine Untersuchung und den zur Edition vorbereiteten Text des Plovdiver Evangeliars legt MICHEL in zwei Teilen als Doktordissertation vor, wobei der Editionsteil mit dem Jahr 1984, der Untersuchungsteil mit 1985 datiert ist.

Der Untersuchungsteil, der von MICHEL in der lateinisch abgefaßten Titelei als tomus II, Analysis, pars prima, bezeichnet wird, ist klar gegliedert und übersichtlich dargeboten. In der Einleitung weist MICHEL zu Recht, m.E. aber etwas zu pauschal, auf die Bedeutung der Erforschung des Mittelbulgarischen für die Geschichte der bulgarischen Sprache hin (§1), geht auf den zu geringen Stellenwert ein, den die Forschung dem Plovdiver Evangeliar bisher zugemessen hat, und umreißt die Zielsetzung seiner Untersuchung. Der zuletzt erwähnte Abschnitt (S. 2 §3) wäre im Hinblick auf die vorgelegte Dissertation geringfügig abzuändern, da hier einige Aufgaben genannt werden, deren Lösung offenbar erst für eine spätere erweiterte Druckfassung der Arbeit vorgesehen ist (u. a.: “... seine wichtigsten phonetischen, morphologischen und syntaktischen Besonderheiten mit Augenmerk auf das sprachhistorisch Neue darzulegen ...” und “... den typologischen Standort innerhalb der altslavischen Evangeliare zu bestimmen”, s. dazu auch die Anm. 170). In §4, “Archäographisches”, verdienen vor allem MICHELS Ausführungen zur Datierung der Handschrift Beachtung: Aus den Hinweisen auf die Lektion am Gedenktag der Hl. Petka (Ternoboniensis), deren Kult 1230/1 eingeführt wurde, gewinnt er den sicheren Terminus post quem für die Entstehung des Plovdiver Evangeliars. Den Abschluß der Einleitung bilden die Kapitel mit der Zusammenfassung des Inhalts (§5) und der Darstellung der Forschungsgeschichte (§6), bei der vor allem die bisherigen Datierungen des Kodex referiert werden, die zwischen dem Anfang des 13. und dem 14. Jahrhundert schwanken. Die Datierung “Mitte des 13. Jahrhunderts”, die u.a. von A. Dzurova 19081 genannt wir, findet sich übrigens auch in dem neuesten Katalog der in Bulgarien aufbewahrten “bulgarischen” Handschriften (B. Christova, D. Karadzova, A. Ikonomova, Bâlgarski râkopisi ot XI do XVIII vek zapazeni v Bâlgarija; svoden katalog, tom I, Sofija 1982, S. 27 sub No. 21). Aufgrund seiner eingehenden paläographischen Untersuchung und des Vergleichs mit Handschriften vom Anfang des 14. Jahrhunderts - Hauptinhalt von Band II - kommt MICHEL [zu] der m.E. überzeugenden Datierung “Ende des 13./ Anfang des 14. Jahrhunderts”.

Das umfangreiche Kapitel “Paläographie” (S. 3-39) läßt keine Wünsche oder Fragen offen. In der auch das kleinste Detail berücksichtigenden Beschreibung zeigt sich MICHELs profunde Kenntnis der mittelbulgarischen Handschriften und Handschriftenkunde. Die Beschränkung auf das wirklich Wesentliche zeugt von einer großen Erfahrung im Umgang mit dieser Materie, wie sie nur sehr wenige Forscher besitzen. Die Schlußfolgerungen, die er aus dem Vergleich mit anderen Handschriften des 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts zieht und die ihn zu einer fundierten Datierung des Kodex bringen, sind durchwegs überzeugend, dgl. seine Beobachtungen sowohl in Bezug auf die mutmaßliche direkte Vorlage des Schreibers wie auf die entferntere glagolitische Vorlage.

Der von MICHEL zur Edition vorbereitete Text (= Band I, 1984) zeichnet sich durch ein Höchstmaß an Sorgfalt und Genauigkeit aus. Anlage und Prinzipien der Edition werden in der Einleitung präzise erläutert. In der Textgestaltung hält sich MICHEL sehr eng an das Original, soweit dies möglich und sinnvoll war und sich die Grapheme in einem späteren Druck wiedergeben lassen. Die in dieser Hinsicht angestrebte Übereinstimmung mit den Editionen des Dobromirovo und des Banisko Evangelie (1975 und 1981) ist zu begrüßen und kann als vollauf gelungen bezeichnet werden.

Im textkritischen Aparat geht MICHEL über den der erwähnten Evangelieneditionen insofern erheblich hinaus, als er sich nicht auf die notwendigen paläographischen Detailangaben beschränkt, sondern die Lesarten der Evangelienhandschriften des sog. altkirchenslavischen Kanons berücksichtigt. Hierbei trifft er jedoch, um das Spezifische des Plovdiver Evangeliars stärker hervortreten zu lassen, eine Auswahl: Ausgehend vom Codex Marianus (in der Ausgabe von Jagic) wird bei völliger Verschiedenheit mit den kanonischen Texten der Wortlaut des Marianus zitiert, bei partieller Verschiedenheit der Wortlaut des (bzw. der) nächststehenden Zeugen (s. S. Xf.). Falls geplant ist, den Text später einmal auch in Bulgarien drucken zu lassen, sollte versucht werden, auch die restlichen 7 Blätter des Evangeliars (Nr. 65 der Plovdiver Nationalbibliothek) in die Edition einzubeziehen. Außerdem wäre zu überlegen, ob der textkritische Apparat nicht um sämtliche Varianten in den kanonischen altkirchenslavischen Evangelien (und vielleicht sogar noch um die des Miroslav-Evangeliums) erweitert werden kann, was freilich die Aufnahme von schätzungsweise eineinhalbtausend weiteren Lesarten bedeuten, aber die Bearbeitung weiterer noch unedierter Evangelientexte (und ihre typologische Einordnung) sehr erleichtern würde. Mit dieser Anregung soll aber keineswegs die Druckreife der von Herrn MICHEL vorgelegten Dissertation angezweifelt werden. Auch ohne die vielleicht einmal möglichen - beträchtlichen - Erweiterungen ist die Arbeit in ihrer jetzigen Form eine reife solide Leistung. [...]

 

14.11.85

[Startseite] [Sitemap] [Neu auf dieser Site] [Vita D. N. Jesu Christi] [Artikel] [Plovdiver Evangeliar] [Lobrede] [Belehrung] [Gegenwart Marias] [Dialektologisches] [Die Slawenapostel] [Ciprovska] [O heilig Herz...] [Eugen Bossilkov] [Evangelisation] [Alexia] [Antlitz Mariens] [Was ist der Mensch?] [Verschiedenes] [Ad personam] [Stefka Michel] [Links] [Kontakt] [Impressum]

© Gunther Maria Michel. Alle Rechte vorbehalten.
Seit dem + 21. Oktober 2006